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Geschlecht zählt!

Geschlecht bestimmt mehr als andere Faktoren unser
Gesprächsverhalten.
Selten erleben wir weibliches Gesprächsverhalten bei
Männern, selten männliches Gesprächsverhalten bei Frauen.
Es gilt ganz allgemein:
Nicht dem eigenen Geschlecht angepasstes Verhalten ist
nicht geduldet, und schwere Beschimpfungen sind verfügbar für die, die
solche Übertretungen wagen:
die Memme,
der weibische Mann,
das Mannweib,
die vermännlichte Frau.
Das gilt auch für das Gesprächsverhalten:
So
- dürfen Männer aggressiv sein,
- sie dürfen für ihre Ziele kämpfen,
- sie dürfen gegen andere eintreten und
- mit anderen streiten.
- Sie dürfen sich im Extremfall schlagen, und sie
- haben sogar eine Form der Auseinandersetzung eingerichtet, die es
ihnen erlaubt, sich gegenseitig unter Einbeziehung Unschuldiger zu
töten.
Männern und Jungen wird das Recht auf Aggressivität
zugestanden, sei es physische oder verbale Aggressivität. Sie wird als
positiv bewertet, fehlt sie, gilt das als Defizit.
Frauen dagegen ist es versagt, ihre Aggressionen und
überhaupt "negative" Emotionen, wie gesunden Ärger und angemessene Wut,
direkt und offen auszudrücken. Nicht nur dürfen wir unsere Aggressivität
nicht motorisch abreagieren, wir dürfen sie überhaupt nicht zeigen! Auch
verbales kämpferisches Verhalten ist verpönt.
Was heißt nun aggressives Gesprächsverhalten?
Es kann von unproduktiver negativer Kritik zu Ironie,
Verhöhnung, Lächerlichmachen, Abwerten, Beleidigung, Beschimpfung, Fluchen,
Toben und Schreien gehen. Große, ungehemmte Aggression ist häufig mit
Lautstärke und mit Obszönitäten verbunden.
Sowohl aggressive Sprechhandlungen als auch laute und
vulgäre Sprechweise sind Frauen gegenüber Männern nicht erlaubt.
Auch wo Männer Frauen verbal belästigen und beleidigen,
können Frauen sich meistens nicht wehren, selbst wenn sie sich wehren
könnten. Die schlimmsten Beleidigungen und Beschimpfungen sind obszöner
Natur, und einmal gelungen, sind sie durch eine Antwort der Frau nicht mehr
auszulöschen und auch schwer verbal zu übertrumpfen.
Aber selbst wenn eine Frau eine stärkere Erwiderung zur
Hand hätte, kann sie sie in den meisten Situationen nicht äußern, weil die
körperliche Gewaltreaktion des Mannes oder der Männer zu erwarten ist, die
ihre Überlegenheit wieder herstellen müssen.
> Die verbale Vergewaltigung von Frauen gelingt deshalb
im Prinzip immer; im Wissen um die Möglichkeit der Gewaltanwendung können
Männer Frauen gegenüber beliebig aggressiv sein.
Als aggressive Frau zu gelten in einem Lehrerkollegium, in
einer Fernsehdiskussion, in einer Parteiveranstaltung, im Freundeskreis ist
negativ besetzt.
Eine aggressive Frau gilt als unattraktiv und außerordentlich unfeminin.
Wenn eine Frau aber als Frau nicht akzeptiert wird, werden ihre Argumente,
gleich, wie gut sie sein mögen, nicht ernst genommen.
Sie müssen nicht mehr diskutiert werden und werden nicht
diskutiert, weil sie von einer stammen, die sich als Frau unmöglich gemacht
hat.
Die Bestrafung für aggressives Gesprächsverhalten findet auf doppelter Ebene
statt: Die Sprecherin wird als Frau diffamiert und als Diskussionspartnerin
diskreditiert.
Da wir Frauen
um das Ausmaß der Bestrafung wissen, halten wir uns im allgemeinen an das
Verbot, unterdrücken unsere aggressiven Bedürfnisse und Reflexe und nehmen
damit die psychologischen Konsequenzen in Kauf,
selbstzerstörerische Symptome aller Art zu entwickeln bis hin zu den
verschiedensten Krankheiten.
Wir halten uns an das Verbot, und wir wenden das Verbot
auch auf andere Frauen an!

Wieviel von unserer Definition von "Feminität" dient dazu,
uns zu beteuern, dass Frauen zarte, damenhafte Kreaturen sind, die mann
beschützen und nicht fürchten muß?
Frauen sind unaggressiv, nicht furchterregend, klein und
schwach, Männer groß und stark, folglich werden Frauen von Männern
beschützt, kontrolliert, dominiert. Die Konsequenzen, die sich aus diesen,
uns von Männern zugeteilten Eigenschaften, für unser Gesprächsverhalten
ergeben, sind von ungeahnter Stärke und Rigidität!
Es sind Regeln, die kaum zu durchbrechen sind, auch wenn
wir uns noch so sehr bemühen.
Beispielsweise ist die Regel, Männer dominieren zu lassen,
für uns Frauen eine ungeheuer starke Regel, die wir kaum je aufgeben können!
Wir gestehen uns nicht einen kurzen Sprechakt lang zu,
einem Mann gegenüber dominant zu sein, beispielsweise ihn zu
- informieren,
- zu belehren,
- zu korrigieren,
- zu kritisieren,
- negativ zu bewerten,
- zu übertrumpfen,
d.h. einmal eine Äußerung lang mehr Macht zu haben als ein
Mann.

Wenn Sie ein Beispiel möchten, sehen Sie sich irgendeine
x-beliebige, gemischtgeschlechtliche Fernsehdiskussion an.
> Die weibliche Rolle tut uns Gewalt an, nimmt uns
Energie, vergiftet unsere Psyche, kontrolliert unseren Intellekt, hindert
unsere Kreativität.
Die weibliche Rolle wird auch sprachlich ausgedrückt und
in Gesprächen bestätigt und gefestigt.
Sprachliche Änderungen, Akte der Neudefinition,
frauenidentifiziertes Reden müssen von vielen Frauen in unzähligen
Gesprächen praktiziert werden, bis ein Prozess, eine Entwicklung in Gang
kommt und Sprache und Unterdrückung sich ändern.
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