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Herabsetzen, Ignorieren und Leugnen
Veröffentlichungen, die sich kritisch mit dem bestehenden Sprachgebrauch und
Sprachsystem auseinandersetzen, werden oft pauschal als unwissenschaftlich erklärt. Mit
einem nicht genauer bestimmten Rückgriff auf sogenannte sprachwissenschaftliche
Autoritäten wie Grammatiken, Wörterbücher oder (ältere) Publikationen wird der
Gebrauch von nichtsexistischen Ausdrucksweisen als falsch erklärt.
Den feministischen Sprachwissenschaftlerinnen wird unterstellt, dass
sie nicht nur
voreingenommen seien, sondern auch noch unpräzise und flüchtig arbeiteten. Vorschlägen
zu einem alternativen Sprachgebrauch wird unterstellt, sie verletzten irgendeine
Grammatikregel.
Dabei ignorieren die Kritikerlnnen bewusst, dass es eine Fülle sprachlicher
Variationen gibt. Sie übergehen Zitierquellen, die gegenteiliger Auffassung sind, und
verdrängen dabei, dass es sich oft um sprachliche Phänomene handelt, die nicht eindeutig
erklärt oder gar begründet werden können.
Hinweise auf frühere Sprachstufen sollen ihre Behauptungen stützen. Dabei wird außer
acht gelassen, dass sich Sprache ständig verändert!
Ganz allgemein werden die Erkenntnisse der feministischen Sprachwissenschaft als
subjektiv, ideologisch und falsch erklärt, ohne dass sich die Kritikerlnnen überhaupt
die Mühe machen, klare Gegenargumente anzuführen.

>
Lächerlichmachen
Bei fehlenden inhaltlichen Argumenten wechseln die KritikerInnen die Strategie.
Sie versuchen die vorgeschlagenen Alternativen durch Übertreibung lächerlich zu
machen. Sie stellen Behauptungen auf, die so nie von den Sprachreformerinnen vorgeschlagen
wurden.
Sie konstruieren neue unmögliche Wortformen oder reißen einzelne Beispiele aus ihrem
Zusammenhang.

> Beschwichtigen
und Trivialisieren
Gegnerlnnen beharren darauf, dass sprachliche Reformen in bezug auf die Veränderung
der gesellschaftlichen Verhältnisse bedeutungslos sind.
Sie leugnen oder trivialisieren den Zusammenhang von Sprache und Gesellschaft.
Die Verfechterlnnen dieser Strategie erkennen zwar an, dass gewisse sprachliche
Erscheinungsformen als Sexismus interpretiert werden können. Die sprachliche
Diskriminierung aber bedeute für Frauen kaum einen sozialen oder psychologischen
Nachteil. Mit etwas gutem Willen könne frau sich darüber hinwegsetzen.
Betont wird, dass es wichtigere Dinge gibt als die "empfindsame Nabelschau der
Frauen".
Sprachkritik sei eine Krankheit der Wohlstandsgesellschaft und verleite Frauen dazu,
die wirklichen Probleme zu übersehen. Frauen sollten sich lieber für eine ökologische
Umwelt, für die Befreiung der Unterdrückten und für die Besserstellung der wirklich
Ausgebeuteten einsetzen.
Mit diesen Argumenten wird eine Scheinalternative aufgebaut und so getan, als ob wir
uns nicht gleichzeitig mit mehreren Problemen beschäftigen könnten.
Mit jovialem Lächeln erklären Männer, dass alles nur halb so schlimm sei.
Momentan würden sie zwar noch ihren kritisierbaren Sprachgebrauch beibehalten, dies
sei aber keineswegs Ausdruck einer chauvinistischen Haltung. Nein, dazu seien ihnen die
Frauen viel zu wichtig.

> Abraten und
Warnen
Die Vertreterlnnen dieser Taktik erkennen zwar prinzipiell die Forderungen nach
sprachlicher Gleichbehandlung von Frau und Mann an. Aus verschiedenen Gründen aber sehen
sie sich gezwungen, die sprachlichen Reformen vorläufig noch nicht zu verwenden und
andere Sprachbenützerlnnen vor deren Gebrauch zu warnen.
Sie weisen darauf hin, dass die vorgeschlagenen nichtsexistischen Ausdrucksweisen
gewissen, oft nicht präzisierbaren Prinzipien von sprachlicher Korrektheit oder
irgendwelchen ästhetischen Anforderungen nicht genügen.
Die Alternativen seien zu umständlich, zu lang und stilistisch nicht zu verantworten.
Manche akzeptieren die Reformvorschläge, weisen aber mit resigniertem Achselzucken
darauf hin, dass es in ihrer momentanen Tätigkeit leider nicht möglich sei, die Reformen
auch durchzufahren.
Sogenannte sensibilisierte Schreiberlnnen schließlich lehnen die Reformvorschläge
unter Hinweis auf die Redefreiheit ab. Sie beharren auf ihrem Recht, so zu sprechen, wie
sie es für richtig halten.
Sie setzen den nichtsexistischen Sprachgebrauch mit der Selbstaufgabe ihrer
sprachschöpferischen Kreativität gleich.
Sexistischer Sprachgebrauch kann aber ebensowenig wie rassistische oder antisemitische
Formulierungen mit der Freiheit der Rede verteidigt werden.
Einzelne Feministinnen raten vom Gebrauch nichtsexistischer Alternativen ab, weil sie
überzeugt sind, dass damit nur an der Oberfläche gekratzt wird.
Sie sind der Ansicht, dass Frauen auf formaler Ebene so erfindungsreich sein können, wie
sie wollen - das sich selbst organisierende Sprachsystem männlicher Vorherrschaft wird
dadurch nicht wirklich ins Wanken gebracht. Frauen würden sich also zu Mittäterinnen
machen.
Diese Kritik hat sicher ihre Berechtigung. Sie vernachlässigt aber die Tatsache,
dass auch mit kleinen Schritten auf der formalen Ebene patriarchale Denkmuster durchbrochen und
verändert werden können.

> Die totale
Feminisierung
Die totale Feminisierung wandelt alle maskulinen Personenbezeichnungen in feminine um,
sofern sie sich in irgendeiner Form auf Frauen beziehen.
Dies gilt auch dann, wenn die maskuline Personenbezeichnung nur ein Teil des Wortes
ist.
Das bedeutet, dass das genetische Maskulin durch ein genetisches Feminin ersetzt wird.
Ein total feminisierter Text sieht folgendermaßen aus:
- Herr Meister und Frau Wegmüller sind unsere beiden ältesten Mitarbeiterinnen.
- Für die männlichen Schülerinnen fällt heute die Turnstunde aus.
Die totale Feminisierung ist eine in erster Linie politische Antwort auf ein
politisches Problem. Sie reagiert auf den Einwand, dass die teilweise Feminisierung zu
"unerträglichen Schwerfälligkeiten" führe.
Sie ist einfach die konsequente Umsetzung der Idee, dass das ständige Miterwähnen der
Männer unzumutbar ist.
Die totale Feminisierung ist der Versuch einer radikalen und konsequenten
Sprachpolitik, die den Männern nicht nur auf die Nerven gehen, sondern ihren Nerv treffen
will.
Erst die Erfahrung, nur mitgemeint zu sein, lässt manche Männer auf die Problematik
aufmerksam werden. Auf Grund dieser Erfahrung sind Männer möglicherweise eher bereit,
bei der Entwicklung einer für beide Geschlechter gerechten und bequemen Sprache
mitzuarbeiten.

> Die totale
Feminisierung entspricht der Strategie der Machtlosen.
Frauen nehmen nicht länger Rücksicht auf die Interessen ihrer
Unterdrücker.
Sie konzentrieren ihre Energie auf die eigenen Anliegen. Frauen verweigern sich dem
absurden Anspruch, ihre Rechte einzufordern, ohne dabei die Privilegien der Männer
anzutasten.
Obschon wir die totale Feminisierung nicht generell empfehlen, möchten wir für ihren
sporadischen Gebrauch werben.
Sie leistet auf der Ebene der Sprachpolitik Ähnliches wie spektakuläre feministische
Aktionen. Sie sichert einen hohen Aufmerksamkeitsgrad und sorgt für unüberhörbare
weibliche Präsenz.

Überwiegend wurden die Beispiele und Umsetzungsmöglichkeiten für die Praxis dem Buch
"Übung
macht die Meisterin" * von Susanna Häberlin, Rachel Schmid, Eva Lia Wyss
übernommen.
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