

Die Stimme - Ausdruck von (geschlechtlicher) Individualität oder von
gesellschaftlicher Aneignung?

von
Dr. Sylvia Moosmüller,
(Institut für Sprachwissenschaft)
Die Stimme, so heißt es gewöhnlich, sei Ausdruck unserer Individualität.
Eine uns bekannte Stimme am Telefon können wir rasch zuordnen. Die Stimme
ist aber auch Ausdruck von Gefühlen, und sie dient weiters zur
Strukturierung von Einheiten (Betonung, Intonation, etc.).
Die Stimme hat viele Funktionen, auch die der "Gender Konstruktion".
Aus einem Beitrag:
[...] Die Ergebnisse detaillierter phonetischer Analysen sind sowohl für
den technischen Bereich (Sprachsynthese, Spracherkennung) als auch für den
gesellschaftlichen Bereich (z.B. Psycholinguistik oder Soziolinguistik)
relevant. Bei meinem Beitrag über "Stimme" wird z.B. gezeigt, dass die
Anatomie nur einen kleinen Beitrag zum Unterschied zwischen Männer- und
Frauenstimmen leistet, der größte Anteil ist in den je spezifischen sozialen
und kulturellen Verhältnissen zu suchen und auch zu finden.
Aufgrund der anatomischen Gegebenheiten sollte die Sprachgrundfrequenz
einer weiblichen Stimme bei ca. 170 Hz liegen, in vielen Fällen aber ist sie
viel höher - nämlich bei ca. 200 Hz. Der Grund hierfür ist im sozialen bzw.
gesellschaftlichen Umfeld zu suchen.
Im europäisch-amerikanischen Kulturkreis ist der Durchschnittswert der
Stimmgrundfrequenz in den letzten Jahren übrigens gesunken, nachdem einige
Stereotypen im Wandel begriffen sind: so wird es in der Zwischenzeit
durchaus akzeptiert, dass Frauen auch mit einer tieferen Stimme sprechen
können, während es umgekehrt noch immer als unmöglich empfunden wird, wenn
ein Mann eine hohe Stimme hat. [...]

Literaturtipps:
 Die verlorene Stimme. Wendepunkte in der Entwicklung von
Mädchen und Frauen.
Die Adoleszenz ist Wendepunkt in der weiblichen Entwicklung, an dem die
kräftige Stimme der Kindheit verstummt. Lyn M. Brown und Carol Gilligan
haben nachgewiesen, dass erst ab zwölf die Mädchen leiser und scheuer
werden, um sich dem Ideal der »perfekten Frau« anzupassen. Die
Psychologinnen fordern die weiblichen Bezugspersonen von Mädchen auf, sie in
ihrer Entwicklung nicht allein zu lassen.
Rezension:
Der Spiegel
* * *
Wie aus Mädchen tolle Frauen werden. Selbstbewußtsein
jenseits aller Klischees.
Wie Frauen und Mütter den Mädchen von heute zu einem neuen
Selbstbewusstsein jenseits von überholten Barbie-Klischees verhelfen können,
wie sie selbst zu Maßstäben einer neuen Weiblichkeit gelangen, um innerlich
gestärkt ins nächste Jahrtausend zu gehen, davon handelt dieses Buch. |