
Scham und Schande
von Luise F. Pusch in "Das Deutsche als Männersprache"
Sitz nicht so da, man kann ja deine ganze Schande sehen! -
Eine Schweizerin erzählte mir, dass kleine und auch grössere Mädchen in der
Schweiz noch heute so angeherrscht werden. Die Schriftstellerin Marlene
Stenten berichtet, in ihrer Familiensprache hätte das BABA STINK geheissen.
Und welches Wort gab es in meiner Familie da für? Gar
keins. Es gab nur die schamvoll umschreibenden Ortsangaben. Die neuen Jeans
waren vielleicht im Schritt zu eng, und zwischen den Beinen, untenrum oder
"da unten" hatten wir uns sauberzuhalten.
Auf der anderen Seite sollten wir uns die Nase putzen und nicht etwa in der
Gesichtsmitte.
Schlaue und beängstigende Folgerung schon früh, bevor wir
es dann endgültig erfuhren: Zwischen den Beinen, da war etwas Widerliches,
zu widerlich, um es auch nur auszusprechen.
Dann kam der Biologieunterricht. Die äusseren
Geschlechtsteile der Frau (also unsere) hiessen: SCHAM (aha!) - mit
folgenden SCHAMTEILEN: SCHAMHAAR, SCHAMHÜGEL, große SCHAMLIPPEN, kleine
SCHAMLIPPEN.
Für den Mann hörte das Schämen schon beim Schamhaar auf.
Der Rest hiess nicht etwa SCHAMSTENGEL und SCHAMBEUTEL, sondern Glied und
Hoden. Der nächste Lernschritt war, dass das Besitzen einer Scham fast
automatisch die Schande nach sich zog, wenn wir nicht höllisch aufpassten,
denn junge Mädchen konnten geschändet werden von Sittenstrolchen oder
entehrt von ehrbaren Männern. Und unsere Ehre hing paradoxerweise direkt mit
unserer Scham zusammen.
Eine schwierige Sprache, schwer zu begreifen.
Da gab es einerseits den Film Susi und Strolch mit einem
ganz süssen Strolch, andererseits die Sittenstrolche. Und wenn die
Sittenstrolche uns missbrauchten, dann waren WIR geschändet, nicht sie. Und
die ehrbaren Männer entehrten UNS durch selbigen Missbrauch, nicht sich
selbst.
Anscheinend waren wir mitsamt unserer Scham ein
Genussmittel wie Alkohol oder Nikotin. Nur dass der Alkoholmissbrauch die
Missbrauchenden selbst in Schimpf und Schande brachte, doch nicht den
Alkohol!
Eine Sprache von Verrückten, geeignet, selbst die Vernünftigste verrückt zu
machen.
Es wird Zeit, dass wir die Sprach- und Machthaber nicht
mehr alleine werkeln lassen. Venus steigt auf den Venushügel und lächelt mit
ihren süßen Venuslippen: Scham - wat is dat denn? Ach so, Sie meinen
Charme!

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