
Die Rolle von Mädchen und Frauen in Schulbüchern -
am Beispiel Mathematik
Erfahrungen eines Autorenteams
Von Jürgen Kriege
Seit fast 20 Jahren bin ich Mitglied eines Autorenteams
und habe an ebenso vielen Fach- und Schülerbüchern für Mathematik
mitgearbeitet. Stets ist zu unserer Freude und Erleichterung die Zulassung
in den einzelnen Bundesländern erteilt worden. Eines der Bücher gewann sogar
einen Preis als "ansprechendstes Mathematikbuch".
Ein einziges Mal jedoch wurde die Zulassung verweigert. Es
war in Rheinland-Pfalz.1 Der Grund war: Das Buch stimme nicht mit
dem Grundgesetz überein. Bei all den im § 35a des Schulgesetzes genannten
Kriterien hätten wir dies zuletzt erwartet: ausgerechnet bei einem
Mathematikbuch!
Die Gutachterin hatte dem Buch hohe Qualität im
methodisch-didaktischen Bereich attestiert, fachliche Richtigkeit und
Lehrplangemäßheit bestätigt, die Einhaltung pädagogischer Grundsätze bei den
Aufgabenstellungen gelobt.
Begründet wurde die Ablehnung im Wesentlichen mit der
Darstellung von Frauen und Mädchen in den Aufgaben und den Illustrationen
des Buches.
Die Gutachterin hatte die in den Texten genannten Männer-
und Frauenberufe ausgezählt und die Abbildungen daraufhin untersucht, bei
welcher Tätigkeit oder in welcher Funktion Männer und Frauen, Jungen und
Mädchen gezeigt werden.
Die Gutachterin schrieb:
"Die Autoren sind ausschließlich Männer.
Als Pädagogen haben sie auch mit Schülerinnen zu tun. Wenn ihre Darstellung
der Frau mit ihren Erfahrungen im Unterricht konform geht, so liegt das
gewiss nicht an der unterschiedlichen Veranlagung und Begabung von Mädchen
und Jungen, und es ist ein Grund mehr für sie, Vorurteile und
Rollenklischees abbauen zu helfen. Es gilt, Mädchen nicht zu entmutigen,
sondern gerade zu mehr Selbstbewusstsein zu ermutigen und auch für das Fach
Mathematik neu zu motivieren.
Bei dem in diesem Buch zu Tage tretenden Einfallsreichtum, denn es ist
wirklich besser gemacht als andere Mathematikbücher, wäre die Motivation
nicht das Problem. Dazu dürfte den Autoren auch dann einiges einfallen, wenn
die Darstellung und Berücksichtigung des weiblichen Geschlechts positiv und
ausgewogen erfolgen würde."
Den Autoren sollte die Genehmigung für dieses Schulbuch nicht erteilt
werden, weil es
-
einseitige Rollenbilder von Mann und Frau vorgibt,
-
und darum einer auf berufliche und private Partnerschaft
zielenden Erziehung und Entwicklung von Jungen und Mädchen entgegenwirkt,
-
Mädchen und Frauen insbesondere dadurch diskriminiert,
dass sie im Berufsleben nicht auftreten, und somit ein zeitgemäßes
Identifikationsangebot für Mädchen fehlt,
-
und infolgedessen gegen den Grundsatz der
Gleichberechtigung und Gleichheit von Mann und Frau verstößt, die
Bestandteil unserer Verfassung sind.
Über die Ablehnung waren wir Autoren zunächst erstaunt.
Die Begründung erschien uns schwer nachvollziehbar, in den Details
überspitzt und unsachlich. Wir überprüften jedoch das Werk nach allen
Einzelpunkten genau. Und dabei stellten wir fest: Die Kritik stimmt.
Tatsächlich stellten Frauen und Mädchen in den Abbildungen
nicht den gebührenden Anteil an handelnden Personen.
Dort, wo Mädchen und Jungen zusammen abgebildet waren, spiegelten sich alte
Vorurteile wider.
Wir waren überrascht, ja reagierten nun geradezu mit
Unverständnis über die Ignoranz, mit der wir diese wichtigen Aspekte
übersehen hatten.
Es ist z.B. eine Krankenschwester abgebildet, die zwar -
laut Sprechblase - eine einfache Rechnung lösen kann, aber ihren Patienten
damit fast umbringt. Der Bildtext lautet: "Herr Doktor, ich weiß gar nicht,
warum es unserem Patienten so schlecht geht. Ich sollte ihm 20 Tropfen der
Arznei Nr. 10 geben, und weil die ausgegangen ist, habe ich ihm 100 Tropfen
von Nr. 2 gegeben. Nach Adam Riese müsste das doch stimmen!"
Die Gutachterin schreibt dazu: "Dieses Beispiel ist darum
besonders erwähnenswert, weil es das einzige Bild ist, auf dem ein Mädchen
in Ausübung eines Berufs gezeigt wird. Ausgerechnet das ist ein Witz des bis
zum Überdruss strapazierten Musters 'Typisch Frau!' oder 'Kleines Dummchen,
lass besser das Denken, du hast doch andere Qualitäten!’"
Wir mussten der Gutachterin darin zustimmen, dass es nur
selten Darstellungen im Buch gab, mit denen sich ein Mädchen identifizieren
könnte, und dass das Bildmaterial junge Frauen sehr einseitig stilisierte.
Gerade dadurch, dass diese Bilder im Unterricht nicht problematisiert
werden, wirken sie unterschwellig und unkontrollierbar auf die
Schülerinnen und Schüler.
Frauen und Mädchen wurden auf nur zwei Bildern berufstätig
dargestellt - als Krankenschwester und als Marktfrau -, während Männer als
Kaufleute, Bauhandwerker, Feuerwehrleute, Landwirt, Viehhändler, Schäfer,
Tankwart, Metzger, Wirt, Verkehrspolizist, Hotelmanager, Arzt und Zauberer
abgebildet waren.
Auch bei den Textaufgaben mussten die Kritikpunkte der
Gutachterin anerkannt werden. In keiner Aufgabe kam eine Frau als handelnde
Person aus der Berufswelt vor (Ausnahme: Lehrerinnen), während Männer
"verdienen, Rechnungen zahlen, Versicherungen abschließen, Teppichboden
verlegen, per Bausparvertrag sparen, Möbel kaufen, eine Firma besitzen,
Fernsehgeräte reparieren...".
Gruppenbezeichnungen tauchten in den Textaufgaben zwar nur
wenige auf, aber stets in der männlichen Form: So gab es den "Schüler,
Klassensprecher, Bürger, Reiter, Fahrer, Bastler, Spieler, Läufer,
Bürgermeister, Verkehrsteilnehmer" und nicht die "Schülerin,
Klassensprecherin...".
Unverzüglich machte sich das Team an die Korrektur der
angemahnten Mängel. Es stellte sich als recht einfach heraus, den Mädchen
und Frauen in den Textaufgaben die notwendigen Funktionen zuzuweisen. Für
die maskulinen Berufsbezeichnungen wurden hälftig die femininen Wortformen
eingesetzt, sodass ein Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen hergestellt
war. Dabei wurde darauf geachtet, dass Männer wie Frauen sowohl in
Führungspositionen als auch in untergeordneter Funktion auftraten. Bei den
Gruppenbezeichnungen wechselte nun die männliche mit der weiblichen Form ab;
in einigen wenigen Aufgaben wurde die Formulierung "Schülerinnen und
Schüler" oder "Bürgerinnen und Bürger" verwendet.
Bei den Illustrationen waren mehrere Umstellungen
notwendig. So musste teilweise an Stelle des gezeichneten Jungen, der in
Sprechblasen Erklärungen zu mathematischen Sachverhalten und
Problemstellungen abgibt, ein ähnlich typisiertes Mädchen eingefügt werden.
Insgesamt wurde dafür gesorgt, dass Männer und Frauen etwa
gleich oft in Tätigkeit zu sehen sind.
Wo Mädchen und Frauen in den Zeichnungen lediglich zur
"attraktiven" Belebung der Sachsituation dienten (Zitat der Gutachterin:
"Blonde Eva - apfelessend - schreitet über eine Wiese"), wurden die Bilder
retuschiert.
Nach den Änderungen wurde das Buch in Rheinland-Pfalz ohne
Einwände zugelassen. Die Autoren wussten sich darin einig, dass die
Korrekturen inhaltlich notwendig gewesen waren und dass die kritisierten
Mängel bei künftigen Schulbüchern ohne Aufwand vermieden werden können.
Bei allen Mitarbeitern hat ein echter Sinneswandel
stattgefunden: Die Kritik war unerwartet und hart gekommen, aber in einem
Prozess des Nachvollziehens als berechtigt erkannt worden.

1 Anmerkung der Herausgeber: In Baden-Württemberg
ist die Zulassung von Lernmitteln zum Gebrauch an öffentlichen Schulen in
der Schulbuchzulassungsverordnung geregelt. Demnach werden Schulbücher nur
dann zugelassen, wenn sie mit den durch Grundgesetz, Landesverfassung und
Schulgesetz vorgegebenen Erziehungszielen sowie mit den Zielen und
verpflichtenden Inhalten des Bildungsplans der jeweiligen Schulart
übereinstimmen. Schulbücher werden daher selbstverständlich auch in
Baden-Württemberg ebenso darauf überprüft, ob sie der
Gleichberechtigung der Geschlechter entsprechen und in Texten sowie
Bildern Frauen und Männer, Mädchen und Jungen gleichwertig darstellen.

Quelle: Schule der Gleichberechtigung - Eine Handreichung
für Lehrerinnen und Lehrer in Baden-Württemberg zum Thema "Koedukation", Hg.
vom Ministerium für Familie, Frauen, Weiterbildung und Kunst und vom
Ministerium für Kultus und Sport, Baden-Württemberg, Stuttgart 1995

So - und was machst DU jetzt? Genau!
Du schnappst dir das Mathe- (Geschichts-, Deutsch-, ect.) Buch deiner
Tochter oder deines Sohnes und schaust es daraufhin durch, ob es der
Gleichberechtigung der Geschlechter entspricht. Und wenn
du etwas anderes findest, dann kopiere die Stelle und sende sie mit einem
Vermerk an das Kultusministerium deines Landes.
Denn egal ob Mädchen oder Junge: Beide lernen aus ihren Schulbüchern
dauerhaft, welche Erwartungen sie an das andere Geschlecht zu stellen
haben! Welche wundert da die Scheidungsrate?
Websites zum Weiterlesen:
|